Vereinsprojekt des Monats

Schwarz-Weiß Lichtenrade

Schachpartie als Therapie - Balsam für Geist und Seele

Angstzustände, Depressionen bis hin zum Burnout-Syndrom sind heutzutage leider keine Seltenheit mehr, wie Ärzte und Verhaltensforscher festgestellt haben. "Das Prinzip einer höchstmöglichen Ablenkung von den psychisch-bedingten Problemen kann jedoch den Einstieg zur Verbesserung einer gesundheitlichen Gesamtsituation bilden", sagt Hartmut Ingendorf, Pressewart des Schach-Clubs Schwarz-Weiß Lichtenrade und hat entsprechende Vorschläge erarbeitet, die nicht nur zu Überlegungen, sondern auch zum aktiven Handeln beziehungsweise Anwenden führen sollen.

"Noch sind wir in der Entwicklungsphase", meinte der Vereins-Vorsitzende Fabian Gallien unmittelbar vor der Veranstaltung Lichtenrader Herbst, einem mit 7250 Preisgeld dotierten und bis zum 7. Oktober dauernden Turnier im Gemeinschaftshaus Barnetstraße, das einen erstaunlich großen Zuspruch erfuhr. Zum anfangs erwähnten Kernproblem meinte er, dass es sich um einen langen Prozess handeln kann. "Wichtig ist, zunächst einmal eine allgemeine, öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen und entsprechende Interessenten zu finden."

Ein erster Schritt ist bereits dahingehend gemacht, dass man mit zwei Psychologen und der Siemens Betriebskrankenkasse ins Gespräch gekommen ist und darüber hinaus auch die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung Am Karlsbad 15 mit dem Thema konfrontiert hat, weil die in der Lage ist, Kontakte zu entsprechenden Problempersonen herzustellen beziehungsweise Hilfe zu vermitteln. "Wir hoffen, dass wir eines Tages auch mit anderen Institutionen Kontakt aufnehmen können", so die beiden Lichtenrader Protagonisten.

"Schach hat natürlich keine körperbetonte Auswirkung wie etwa Schwimmen, der Radsport oder die Leichtathletik, was uns natürlich bewusst ist, aber es hat andere Ansätze, die auf der psychologischen Ebene liegen und durchaus eine Vereinsmitgliedschaft mit einschließen", argumentiert Ingendorf und dabei einen besonderen Aspekt im Auge. Ob Anfänger, Fortgeschrittener oder Profi, sie alle müssen sich zwei, mitunter auch vier Stunden lang voll auf das Spiel mit den Königen und Damen, den Pferden, Türmen, Läufern und Bauern auf dem 64-Felder-Brett konzentrieren, um die bestmögliche Antwort auf die Strategie ihres Gegners zu finden.

Dabei kommt man aus dem eingefahrenen, problembeladenen Denkkarussell heraus, das auch als das Kernstück der psychischen Schattenseite bezeichnet wird. Zeit für andere Überlegungen oder gar Gedankensprünge sind auf jeden Fall fehl am Platze, weil jede Unaufmerksamkeit sofort bestraft wird.

Deshalb kann Schach Balsam für Geist und Seele sein, formuliert leicht euphorisch Ingendorf, der einst Selbstbetroffner war und vor einiger Zeit die Idee hatte, anderen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie bestimmte Negativ-Probleme gemeistert werden können. "Nach meinem leichten Herzinfarkt im Sommer 2009, der einen großen Schock bei mir hinterließ, obwohl die Ärzte im Köpenicker Krankenhaus vom medizinischen Standpunkt bald Entwarnung gaben, spürte ich bei den kleinsten Anzeichen ein immer wiederkehrendes Angstgefühl, so dass ich von diesem Trauma nicht mehr loskam und mehrmals die Notaufnahme in Anspruch nahm."

Eines Tages sagte dann eine Krankenschwester zu dem heute 62-jährigen Ruheständler: "Suchen Sie sich doch einmal eine Aufgabe, die Sie auslastet, sonst werden Sie verrückt." Dieser so einfach dahin gesprochene Satz zeigte Wirkung. Der ehemalige Diplom-Ingenieur für Wegeleitsysteme bei der Bahn erinnerte sich daran, früher einmal etwas Schach gespielt zu haben und suchte in mehreren Bezirken nach einem Verein, den er schließlich in Lichtenrade fand und wo seine Gedanken einen Widerhall erfuhren. "Wobei es nicht das Ziel sein darf, sich offenbaren zu müssen", so Ingendorf, der seine Herzangst, so die offizielle Bezeichnung des Symptoms, inzwischen in den Griff bekommen hat.

In dem neugierig gewordenen Vereinsvorsitzenden Fabian Gallien ("Wir befassen uns seit drei Monaten mit dem Problem) fand Hartmut Ingendorf einen engagierten Mitstreiter, um künftig auch andere Kreise für das Thema zu sensibilisieren, wobei natürlich besonders an weitere Krankenkassen gedacht ist, die sich mit Therapie-Möglichkeiten befassen.

Übrigens: Wer vier oder gar fünf Stunden intensiv über einer Schachpartie brütet, der ist anschließend nicht nur psychisch, sondern auch körperlich erschöpft. Weshalb ein guter Rat beherzigt werden sollte, stets auch Muskeln, Sehnen und den Kreislauf bei einer anderen Sportart zu trimmen, um so fit zu bleiben..