„Im Zweifel immer für den Kinderschutz“

Vierte Berlin-Brandenburgische Regionalkonferenz für den Kinderschutz gegen sexualisierte Gewalt im Sport

„Ich komme aus einem kleinen Ort, habe mit fünf Jahren angefangen, in meiner Sportart zu spielen. Der Verein, der für mich damals das Maß aller Dinge war, und zu dem ich unbedingt wollte, war in etwa 25 Kilometer entfernt. Die große Entfernung, so würde uns damals versichert, wäre kein Problem, weil es viele freiwillige Helfer gab, die eine Art Fahrdienst organisierten. Dieser holte die Mädchen aus einem recht großen Einzugsgebiet ab und brachte sie zum Training oder zu Spielen. Der Fahrdienst brachte die Mädchen nach den Spielen nach Hause. Ich wurde immer als Letzte nach Hause gebracht...“, Auszug aus einem Interview mit einem Mädchen, dass im Rahmen der Forschungsprojekte „VOICE“ geführt wurde, einem EU-Projekt zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Sport. 

In der Bildungsstätte der Sportjugend Berlin sitzen am Samstagvormittag über 100 Vertreterinnen und Vertreter aus Vereinen, um mit Experten auf der vierten „Berlin-Brandenburgischen Regionalkonferenz" den Kinderschutz und Lösungen zur Prävention sexualisierter Gewalt im Sport zu diskutieren. Am Rednerpult steht gerade Dr. Bettina Rulofs von der Sporthochschule Köln, die zum Thema geforscht hatte. Sie stellt die neuesten Forschungsergebnisse aus der VOICES-Studie vor, zitiert Betroffene und will damit den Blick der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Personengruppen weiten, die den Sport bewusst aufsuchen, um mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Rulofs bezeichnet sexualisierte Gewalt als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das auch im Sport ein Problem sei. Deshalb müsse es nach wie vor eine breite Bewusstseinsbildung an der Basis geben, in den Sportvereinen: „Wir sollten Vereine darüber informieren, welche spezifischen Bedingungen und Gelegenheiten im Sport dazu führen können, dass sexuelle Gewalt im Sport entsteht.“ Am Ende spricht sie sich für eine systematische Aufarbeitung von Fällen aus, in denen das VOICE-Projekt nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein könne. Die Wissenschaftlerin hält es für sinnvoll und notwendig, persönlich Betroffene in die Präventionsarbeit einzubeziehen, um tiefgehende Einblicke in die Thematik geben zu können.

Zuvor hatte Kirsten Ulrich, Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung des Landessportbunds Berlin auf das wachsende Interesse am dem Thema hingewiesen. Der Landessportbund biete seit vielen Jahren Fortbildungsveranstaltungen, Netzwerktreffen, Kinderschutzworkshops, Kinderschutzschulungen und habe einen Runden Tisch für Kinder- und Jugendschutz und gegen sexualisierte Gewalt im Sport eingerichtet, an dem sich mittlerweile 28 Fachleute beteiligten. Ihr Ziel sei es, das Thema sexualisierte Gewalt im Erwachsenenbereich anzugehen und mehr in die Mitte der Sportverbände- und Vereine zu bringen. 

Karl-Heinz Hegenbart, Vizepräsident Breitensport und Sportentwicklung beim Landessportbund Brandenburg, sprach von einer Herausforderung in zweierlei Hinsicht: Zum einen gehe es um den Schutz der Kinder und Jugendlichen und zum anderen um den Schutz des Ehrenamtes, der Trainer und Übungsleiter, die häufig im medialen Fokus stünden.

Heike Völger, Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, fragte, was die eine Gesellschaft tun könne und lieferte auch gleich die Antwort: „Es sind die Schutzkonzepte, die sich Kinder- und Jugendeinrichtungen geben müssen, um die Risiken der sexualisierten Gewalt zu minimieren.“ Dabei gehe es um die Frage, wie es gelingt, betroffenen Kindern einen Zugang zur Hilfe zu ermöglichen, das sei das Hauptanliegen eines Schutzkonzeptes. Das Ziel eines Schutzkonzeptes sei Kompetenzorte zu schaffen. „Wir brauchen erwachsene Menschen, die sensibel Veränderungen bei den Kindern wahrnehmen, die Wege zu den Kindern und Jugendlichen finden und Brücken bilden, die den Kindern die Wege in die Hilfe ermöglichen“, so Völger, und weiter „Wir brauchen die Beziehungsarbeit zwischen den Erwachsenen und den Kindern, dafür ist der Sport, sind Sporttrainer, der Übungsleiter eine wichtige Funktion. Wir müssen sicherstellen, dass wir alles dafür tun, um die Kinder, die in unseren Strukturen organisiert sind, geschützt sind und Zugänge zu Hilfe ermöglichen. Im Zweifel immer für den Kinderschutz. Das Schutzkonzeptes ist dafür eine Antwort.“ 

Der Landessportbund Berlin und seine Sportjugend haben gemeinsam mit Partnerverbänden und -vereinen vor vielen Jahren den Kinderschutz im Sport voran gebracht:

  • 2009 Veröffentlichung einer von Landessportbund und Ev. Jugendfürsorgewerk verabschiedeten Kinderschutzerklärung – Bis heute: Kinderschutzerklärung von über 200 Vereinen und Verbänden unterschrieben – Kinderschutz als Thema in den Ausbildungen zum/-r Trainer/-in, Übungsleiter/-in und Vereinsmanager/-in des LSB implementiert
  • Jährlich um die 25 Fortbildungen in Vereinen durch die Kinderschutzbeauftragte der SJB – Kinderschutz-Seminare für alle Teilnehmenden in den Freiwilligendiensten im Sport (tätig als Übungsleiter/-innen, Verbandsmitarbeiter/-innen oder in sportorientierten Kindergärten) als auch Teamer/-innen für Jugendreisen verpflichtend.
  • Sport-Verbände implementieren Kinderschutz in den Trainerausbildungen- Präventionskonzepte in Vereinen werden mit Unterstützung des LSB erarbeitet – Leitfaden Kinderschutz 2012 erschienen und an alle Vereine und Verbände verteilt
  • Website Kinderschutz www.kinderschutz-im-sport-berlin.de – Alle zwei Jahre gibt es eine Berlin-Brandenburgische Regionalkonferenz  „Für den Kinderschutz – gegen sexualisierte Gewalt im Sport“ mit rund 150 Teilnehmenden
  • Seit zwei Jahren gibt es jährlich eine Berlin-Brandenburgische Fachkraftfortbildung für alle Fachkräfte aus Sport, Kita und Jugendamt mit rund 40 Teilnehmenden
  • Ab 2020 wird es das Siegel Kinderschutz für Vereine und Verbände als Prädikat für eine Kultur der Aufmerksamkeit geben.

Text: Oliver Weiß
Foto: Jürgen Engler

  • Vierte Berlin-Brandenburgische Regionalkonferenz für den Kinderschutz gegen sexualisierte Gewalt im Sport