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Wer rückwärts laufen kann, kommt vorwärts

Deutschlandweit einmalig: Berlins Erzieher mit bewegungs- und sportpädagogischem Profil

Nicht überall ist Berlin im bundesweiten Maßstab weit vorn, wenn es um Bildung und Erziehung geht. Das haben jüngere Umfragen wiederholt ergeben. Was allerdings die Körpererziehung betrifft, die keineswegs nur physisch verfasst ist, sondern Geist und Sozialkultur genauso einbezieht, kann die Hauptstadt auch auf Erfolge verweisen, die eine deutschlandweite Vorbild- und Vorreiterrolle haben. Ein Beispiel dafür ist die von Landessportbund (über die Kita-Trägergesellschaft KiB/Kinder in Bewegung gGmbH) und der Stiftung SPI (Sozialpädagogisches Institut Walter May) betriebene Kooperation, bei der seit 2012 Erzieher/innen mit bewegungs- und sportpädagogischem Profil ausgebildet werden.  

Beim Vorort-Termin in der Gerhard-Schlegel-Sportschule des LSB in Schöneberg informierten sich LSB-Präsident Klaus Böger und SPI-Direktorin und Vorstandsvorsitzende Dr. Birgit Hoppe darüber, wie das Projekt läuft, welche Inhalte transportiert werden, wie die Resonanz ist und welche Wirkung man über die vier Jahre Existenz inzwischen erreicht hat. Das, was sie hörten, sahen und erlebten, war ziemlich einstimmig und durchgängig erfreulich.

„Eine solche Ausbildung, die macht doch Spaß“, meinte Birgit Hoppe, während sie die von Lachen und Kommunikation begleiteten Bewegungs- und Partnerspiele, Aktionen und Wettbewerbe beobachtete. Die jungen Frauen und erfreulich vielen Männer (!), die mit dieser Ausbildung über drei Jahre (sechs Semester) „staatlich anerkannte Erzieher“ werden wollen, legen akzentuiert Wert auf das „wollen“ – sie nehmen den künftigen Beruf vor allem als Berufung und nicht als Belastung.  

2012 startete der erste Ausbildungsjahrgang mit 25 Absolventen, im September 2016 begann mithin der fünfte und die Gesamtzahl der Immatrikulierten steht damit bei 125. Der Ausbildungsdauer entsprechend schloss 2016 der zweite Jahrgang ab, was ein Zwischenresümee erlaubt.

„Die Ausbildung ist aus der Erkenntnis heraus geboren, dass Bewegung und Sport Lernfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung ab frühestem Kindesalter befördern und dass man dafür geschultes Personal braucht“, sagt Klaus Böger. Der LSB allein habe dafür nicht die Personalkapazität, so sei die Kooperation mit dem SPI entstanden. Mit der Ausbildung reagiere man zudem auf einen dringenden gesellschaftlichen Bedarf. „Unsere Absolventen werden nötigst gebraucht, sie können überall hin, werden mit Kusshand genommen und können sich ihren Arbeitsplatz aussuchen“, so Böger. Wobei natürlich im Idealfall möglichst viele in KiB-Kitas tätig werden, was bei sieben der 2016er Absolventen der Fall war.  

Zur Ausbildung, die – von zweimal 12 Wochen sowie einmal 20 Wochen Praktika abgesehen – zu größten Teilen in der LSB-Sportschule stattfindet, gehört ein breites Feld an angewandtem Wissen, das stets auf bewegungsfördernde, psychomotorische und soziale Aspekte zugleich ausgerichtet ist. Täglich von 8 bis 13.45 Uhr (32 Stunden pro Woche) wird gelernt. Das Ziel formulierte Dr. Birgit Hoppe treffend: „Wir wollen, dass die von unseren Erziehern betreuten Kinder rückwärts laufen können, weil sie dann auch vorwärts kommen!“  

In der Ausbildung befassen sich die Absolventen neben dem „Learning by Doing“ in der Praxis, bei dem ihnen kompetente Dozenten wie Waldemar Palmowski und Dagmar Röhm zur Seite stehen, u.a. mit Kommunikation und Gesellschaft, musisch-kreativer Gestaltung, Sozialpädagogik, Ökologie und Gesundheit, Organisation, Recht und Verwaltung. Voraussetzung sind Fachhochschul- oder Hochschulreife und der Praktikumsnachweis oder Realschulabschluss und Berufsausbildung und/oder Berufserfahrung. Seit dem 1. September 2016 wird übrigens das Schulgeld (115 €/Monat) bei Selbstzahlenden vom Land Berlin übernommen.  

Mit Abschluss sind die Absolventen laut Dr. Hoppe „qualifiziert für die Tätigkeit in Kindertagesstätten, in der Kinder- und Jugendhilfe, Freizeitpädagogik und Jugendsozialarbeit“. Die Arbeit als Erzieher, sagt sie, „ist vielfältig und anspruchsvoll. Erzieher werden gesucht!“  

Als sie von Klaus Böger wegen einer Kooperation auf diesem Gebiet angesprochen wurde, habe sie, verrät Hoppe, „einen richtigen Schreck bekommen, dass wir bundesweit die einzigen sein sollen, die sich dieser Thematik dezidiert widmen.“  

Inzwischen ist eine Menge passiert, ein Netz von Kooperationspartnern entstanden, viele seien aufmerksam geworden. Am SPI gibt es ein spezielles Curriculum, ein spezielles Dozententeam, spezielle Werbeaktionen. Klaus Böger, dem der Termin sichtbar Spaß machte, nannte die 2012 initiierte Ausbildung „eine außerordentlich wichtige Angelegenheit, die wieder einmal wunderbar belegt, dass Sport viel mehr ist als nur physische Ertüchtigung, sondern dass er die Chance zur individuellen Entwicklung in allen Bereichen impliziert“.  

 

Text: Klaus Weise

Fotos: Jaro Suffner

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