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Sport begeistert, Sport bildet

LSB-Tagung über die „Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für die frühkindliche Bildung“ an der Gerhard-Schlegel-Sportschule

Das Video zeigt ein sieben Wochen altes Baby. Es liegt auf dem Rücken. Über ihm hängt ein Mobile, an dem verschiedene Figuren baumeln. Das Baby versucht aufgeregt, die kleinen Männchen zu berühren. Es fixiert eines mit den Augen und will es greifen. Einige Fehlversuche. Aber es gibt nicht auf. Dann klappt es. Das Männchen bewegt sich. Das Baby lächelt. „Es zeigt Zufriedenheit“, sagt Professorin Renate Zimmer. Das Video sei ein Beispiel dafür, dass „die Kinder Aktivität und Neugier quasi mit auf die Welt bringen.“ Beides müsse nicht geweckt werden. Es reiche aus, dem Kind Erfahrungsmöglichkeiten anzubieten. „Wenn dann diese Aktivitäten auch noch Spaß machen, dann lernen Kinder am besten,“ so die Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Osnabrück. „Frühkindliche Bildung und Entwicklung“ ist ihr Spezialgebiet. Sie leitet das gleichnamige Institut in Niedersachsen.

Schon Ende vergangenen Jahres war sie Gastrednerin bei der LSB-Tagung „Sport bewegt und bildet“. Daran anknüpfend hatte der LSB am 4. Oktober zu einer weiteren Tagung eingeladen. Diesmal ging es um die „Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für die frühkindliche Bildung“. „Dieser Bereich ist elementar für die Entwicklung von Kindern und für das dauerhafte Sporttreiben im Leben,“ sagte LSB-Präsident Klaus Böger. „Ich wünsche mir, dass noch mehr Sportvereine auf diesem wichtigen Gebiet tätig werden.“ Zu der Tagung begrüßte er 90 Erzieherinnen und Erzieher, Trainer und Übungsleiter.

Praxisbeispiele belegen Wirkung und Kraft von Sport

Renate Zimmer fesselte wieder ihre Zuhörer mit einem wissenschaftlichen Vortrag voller anschaulicher Beispiele. Mit Videos aus der Praxis belegte sie, dass „Sport und Bewegung schon von früher Kindheit an die Netzwerkbildung im Gehirn fördern“. Sie ist oft in Turnhallen unterwegs gewesen und hat Kleinkinder zu Bewegung animiert. Dabei fing sie mit der Kamera die Reaktionen ein. Die Videos zeigen, wie sich Kinder ausprobieren und Spaß dabei haben. Sogar Kinder mit Downsyndrom gehen bei spielerischer Bewegung mit einem langen bunten Band aus sich heraus und freuen sich ausgelassen. Die Videos zeigen, wie Kinder Bewegungsabläufe voneinander abgucken und wie sie sich in Selbstgesprächen motivieren: „Ob ich das schaffe? Kein Problem!“ Zu sehen ist, wie Kinder lernen, sich realistisch einzuschätzen, wenn sie sich trauen, vom Kasten über eine Schnur auf die Matte zu hopsen, oder wie erfinderisch sie sind, wenn das Trampolinspringen nicht klappt: Sie holen sich zum Festhalten als Stütze ihren Buggy.

Wenn sich Kleinkinder freuen, weil sie sich erfolgreich ein paar Zentimeter die Bank hochgezogen haben oder von einer Matte über einen Spalt zur anderen Matte gehopst sind, dann spricht Renate Zimmer vom „Glück der gelungenen Tat“. Sie sagt: „Besorgniserregend sind nicht die Kinder, die über Tische und Bänke klettern und sich dabei blaue Flecke holen. Besorgniserregend sind die Kinder, die das nicht tun.“

Ihr ganzer Vortrag ist ein Beweis dafür, dass „Sport schon in früher Kindheit begeistert und bildet“. Deshalb hat sie auch kein Verständnis dafür, dass im Berliner Bildungsprogramm der Sport kein Extra-Punkt ist. „Der Bildungsaspekt des Sports hat dadurch nicht die Rolle, die ihm zukommt. Das ist in keinem anderen Bundesland der Fall.“

Wie gut sie den Arbeitsaufwand im Kita-Alltag kennt, bewies sie am Schluss: Sie appellierte an die Erzieherinnen und Erzieher, sich von der Belastung des beruflichen Alltags nicht erdrücken zu lassen. „Sonst können Sie die Schönheiten ihres Berufes nicht genießen: „Springen Sie auch mal zusammen mit den Kindern. Finden Sie selbst Ihre Kraftquellen!“

Viele Anregungen für die Tagungsteilnehmer

Christian Liedtke arbeitet seit drei Jahren in der Sportförderung beim 1. FC Union im Kita-Bereich. In seinem Verein setzen zehn Mitarbeiter in 17 Kitas Bewegungsangebote um. „Der Vortrag von Professor Renate Zimmer hat mich darin bestärkt, dass wir den richtigen Weg gehen“, sagt er. „Die Kinder sollen sich frei ausleben. Es gibt keine Zwänge, sie sollen Spaß haben. Wir bilden keine Fußballer aus, davon sind wir weit weg. Wir arbeiten selten mit Bällen. Wir lassen die Kinder viel mit Klammern, Papierrollen, Luftballons oder Tüchern spielen.“

Für Carina Balcerowski (21) war der Vortrag wie eine Weiterbildung. Die Leichtathletik-Trainerin mit C-Lizenz trainiert bei der LG Nord die U16, Vier- bis Fünfjährige und eine Eltern-Kind-Gruppe. Außerdem studiert sie Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität und beginnt dort jetzt ihr Masterstudium. „Aber bei Erziehungswissenschaften wird kein Fokus auf Sport in der ersten und zweiten Klasse gelegt.“ Deshalb nehme sie von der Tagung viele Anregungen mit nach Hause.

Daniel Thinius (42) absolviert gerade die Ausbildung zum Erzieher mit sportpädagogischem Profil. Er trainiert Kinder der fünften und sechsten Klasse beim Bogen- und Schießsport Club Olympia Berlin. Seine Erfahrung: „Viele Kinder haben Schwierigkeiten, sich zu koordinieren. Sie können nicht sagen, ob sie gerade stehen oder nach vorn gebeugt sind.“ Für ihn sei es nachvollziehbar, dass sich im frühen Kindesalter mit Spiel und Sport Strukturen herausbilden, die später gebraucht werden.

Bewegung verlagert sich immer mehr ins Virtuelle

Aber Kinder bewegen sich heute zu wenig. Das belegte Anja Voss, Professorin für Bewegungsförderung/Bewegungstherapie und Gesundheitsförderung an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, anhand von Fakten, Zahlen und Entwicklungstendenzen. Sie berichtete: „Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung, die vom Bundesgesundheitsministerium herausgegeben wurden, sprechen von 180 Minuten pro Tag für Vier- bis Sechsjährige.“ Dieses Ziel zu erreichen, werde immer schwieriger, so Anja Voss. Immer mehr Eltern würden ihre Kinder mit dem Auto zur Kita oder zur Schule fahren. In Leipzig gebe es deshalb schon das Projekt „Bewegter Schulweg“. Außerdem führe der Wunsch, „die Kinder immer im Blick“ zu haben, zu einem Verlust „geheimer Orte“, an denen sich Kinder nach Herzenslust auch mal unbeobachtet austoben können. Sport und Bewegung verlagere sich zudem immer mehr in die virtuelle Welt: 40 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen hätten ein eigenes Handy oder Smartphone.

Angebote der Sportvereine sind gefragt

Sie sieht dennoch die Welt nicht apokalyptisch und die Sportvereine mit ihren Angeboten auf dem richtigen Weg. Sie verweist auf neue Fortbewegungsmittel wie Skateboards, Inliner, Mountainbikes, die im Trend sind, und auf die steigenden Mitgliederzahlen von Kinder und Jugendlichen in Sportvereinen. A. B.

Fotos:

• LSB-Präsident Klaus Böger eröffnete die Tagung.

• Professor Dr. Renate Zimmer fesselte die Teilnehmer mit ihrem praxisnahen Vortrag.

• Prof. Dr. Anja Voss appellierte in ihrem Impulsreferat an die Sportvereine, die Kooperationen mit Kitas und Schulen weiter auszubauen.

• Markt der Möglichkeiten: In Workshops stellten die Sportjugend Berlin und die LSB-Kitaträgergesellschaft „Kinder in Bewegung“ gGmbH ihre Programme und Angebote im Bereich der frühkindlichen Erziehung vor.

Fotograf: Max Weise

Ein kurzes Video über die Tagung ist hier zu sehen.

Die Unterlagen zum Vortrag von Frau Prof. Dr. Voss sind hier zu finden.

  • Tagung Böger
  • Tagung Professor Zimmer
  • Tagung Prof. Voss
  • Tagung KiB
  • Tagung Workshops