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Interview mit der Kinderschutzbeauftragten Meral Molkenthin

Meral Molkenthin ist seit 2015 als Kinderschutzbeauftragte des Landesspoportbunds Berlin tätig. Seit August 2019 ist ihre Stelle abteilungsübergreifend in der Direktion angesiedelt. Hier beschreibt sie ihren Arbeitsalltag, Wege im Umgang mit sexualisierter Gewalt und ihre Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen. Dabei bewegt sie sich stets auf einem schmalen Grat zwischen professioneller Hilfe und Datenschutz.

Frau Molkenthin, worum geht es, wenn sich Betroffene bei Ihnen melden?

Wir als Landessportbund Berlin haben uns dem Kinderschutz verpflichtet und wir nehmen jede Anfrage sehr ernst. Überwiegend werden mir Situationen geschildert, in denen ich um eine fachliche Einschätzung beziehungsweise Stellungnahme gebeten werde. In deutlich selteneren Fällen geht es darum, ob einem Menschen unter Verdacht eine Lizenz entzogen werden kann oder dass dieser nicht mehr am Trainings- und Wettkampfbetrieb teilnehmen soll.

Wer meldet sich bei Ihnen?

Bei uns melden sich Eltern betroffener Kinder oder Jugendlicher, Verantwortliche aus Vereinen oder Verbänden, Sportler/-innen, das Jugendamt, die Fachberatungsstellen, das LKA etc.

Der Landessportbund muss differenzieren zwischen externen und internen Meldungen. Meldungen, die den Verein oder Verband betreffen, sind externe, das bedeutet, dass wir lediglich Empfehlungen für die weitere Vorgehensweise aussprechen können. Was viele nicht wissen: Verbände und besonders Vereine agieren autonom. Sie entscheiden, welche/-n Trainer/-in sie einstellen, welche Schwerpunkte sie in ihrer Ausrichtung setzen oder wie sie bei einer Kinderschutzmeldung weiter vorgehen. Nur der Verein kann die/den Trainer/-in von ihrer/seiner Tätigkeit entbinden, Hausverbote aussprechen oder als Mitglied ausschließen, beispielsweise wegen vereinsschädigendem Verhalten. Die gute Nachricht ist, dass die meisten Vereine unsere Empfehlungen über das weitere Vorgehen umsetzen.

Frau Molkenthin, was können wir uns unter einer Kinderschutz-Meldung bei Ihnen vorstellen?

So hart das für den einen oder anderen klingen mag: Der Sport ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Was draußen tagtäglich passiert, macht hin und wieder auch vor dem Sport nicht Halt. Denn die Täter stammen meist aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld. Häufig betrifft es die eigene Familie, den Bekanntenkreis, aber auch den Sportverein. Mir wird berichtet von schreienden Trainern, alkoholisierten Eltern, erpressten Nacktfotos aber auch von schweren sexuellen Übergriffen. 

Wie gehen Sie bei einer Meldung vor? 

Wir haben den Schutz der Kinder und Jugendlichen in unserer Verantwortung. Unsere Devise lautet: Im Zweifel für den Kinderschutz! Es ist wichtig zu sagen, dass wir wertschätzend und betroffenengerecht, wenn gewünscht auch anonym beraten. Wir arbeiten eng mit den Fachberatungsstellen zusammen. Besonders in Fällen von sexualisierter Gewalt raten wir, mit diesen Stellen in Kontakt zu treten.

Beim Landesssportbund Berlin greift bei der Meldung eines Kinderschutzfalls eine allgemeine Verfahrensweise. Das bedeutet, ich beginne damit, die passenden Ansprechpersonen zu kontaktieren. Mein Gegenüber ist idealerweise der/die Kinderschutzbeauftragte/-r des Verbands oder Vereins. Wenn dies nicht der Fall ist, frage ich nach einer/einem Ansprechpartner/-in – häufig ist das der Vorstand oder der/die Präsident/-in. Wir besprechen den Fall und die weitere Vorgehensweise und bleiben im Kontakt. Es ist die Verantwortung und Aufgabe der/des Betrauten, aufgrund dieser Informationslage zu handeln. Das ist nicht immer einfach, besonders, wenn kein Kinderschutz-Konzept, kein Notfall- oder Ablaufplan in den Vereinen vorhanden ist. So oder so stehen wir in der Beratung an der Seite des Vereins/Verbands, um ihn bestmöglich zu unterstützen. Hierbei kommt zugute, dass wir uns mit dem Thema Kinderschutz schon lange auseinandersetzen und unsere Kontakte zu Fachberatungsstellen aber auch Schulungen anbieten.

Mit Meldung eines Falls stehe ich zudem im engen Kontakt mit der Vertrauensperson und informiere sie über die nächsten Schritte. Manchmal ist es notwendig, eine Stellungnahme des Verbands oder Vereins zu erfragen. Es kann aber auch vorkommen, dass wir Informationen über polizeiliche Ermittlungen erhalten. Zeitgleich habe ich einen fachlichen Austausch nach dem Vier-Augen-Prinzip und informiere die entsprechend Beteiligten über weitere Maßnahmen. 

Was kann der LSB tun und was kann er nicht?

Der Landessportbund ist der Verband der Verbände. Er kann vieles tun und initiieren, aber leider nicht alles. In ihm sind die Fachverbände organisiert, nicht die Sportvereine. So geht es also zuerst einmal um die Frage, ob der Mensch unter Verdacht haupt- oder ehrenamtlich beim LSB beschäftigt ist. Trifft dies zu, kann ihn der LSB bei laufenden Ermittlungen suspendieren und bei erhärtetem Verdacht auch eine Kündigung aussprechen. 

Aber auch wenn der Mensch unter Verdacht nicht direkt bei uns angestellt ist, können wir eine über uns ausgestellte Lizenz entziehen. So sieht es unsere Ausbildungsordnung zum Lizenzerwerb und -verlängerung vor. Allerdings gibt es auch Lizenzen der Fachverbände, die nur durch die Fachverbände entzogen werden können. Der Landessportbund könnte ggf. auch seine Zuwendung z. B. im Bereich der Förderung von Übungsleiter/-innen ruhen, sperren oder aufheben lassen.

Im Fall einer Verbands- oder Vereinsmeldung kann der LSB mit seiner Vereinsberatung, mit seiner Justiziarin als auch mit der Kinderschutzbeauftragten fachliche Unterstützung für die Berliner Verbände und Vereine anbieten. Wir bieten viele Schulungen für und zur Ausbildung als Kinderschutzbeauftragte/-r an. Für die Kinderschutzbeauftragte kommt es vor allem darauf an, strukturiert und professionell vorzugehen. Zudem möchten wir mit unseren Netzwerktreffen der Kinderschutzbeauftragten auch den Austausch untereinander fördern und so viele Multiplikatoren/-innen in den Vereinen und Verbänden installieren wie möglich. Wir werden in 2020 ein Schutzsiegel für Vereine und Verbände anbieten, das nach Erfüllung von Kriterien vergeben wird. Ziel ist es, den Kinderschutz sichtbar zu machen und den Vereinen die aus unserer Sicht notwendigen Maßnahmen für den Kinderschutz zur Verfügung zu stellen.

Wann ist ein Fall abgeschlossen?

Es gibt Fälle, da findet eine vorbildliche Intervention statt. Es gibt einzelne Fälle, in denen die Verantwortlichen mit dem Umgang überfordert sind und sich zunächst dazu entscheiden, die Beschuldigten weiter tätig sein zu lassen. Sie befürchten, dass es in einer Phase des informellen Austausches auch zu Regress- und Haftungsansprüchen kommen kann. Aus Sicht einer Kinderschutzbeauftragten ist das natürlich keine Alternative. Allerdings setzen wir uns auch in diesem Fall mit dem Verein oder Verband dahingehend auseinander, entsprechende Maßnahmen und Informationen bzw. Hilfestellungen einzuholen. Entscheidend ist letztlich die Haltung des Vereins oder Verbands und ein transparenter Umgang in der Aufarbeitung eines Falles und der Maßnahmen, zur Vermeidung von Wiederholungsfällen. Abgeschlossen ist ein Fall z.B. dann, wenn der Mensch sich nicht mehr im Umfeld des Vereins aufhält und die Aufarbeitung erfolgt ist. Allerdings beginnt oftmals für die Organisation hier jedoch erst die Aufgabe, sich präventiv gut aufzustellen und sie benötigt hierzu unsere Begleitung.

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