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Cricket boomt

Geflüchtete aus Afghanistan und Pakistan haben für Zuwachs an Spielern gesorgt. Auch IT-Spezialisten aus Indien. Bedingungen in Berlin sind schwierig.

Samstagmittag auf dem Maifeld. Die Sonne brennt auf den schattenlosen Platz. Die erste Mannschaft der Berlin Black Bears vom BCC spielt um Punkte in Bundesliga Ost. Ein Black-Bear-Bowler (Werfer) steht bereit. Ein kurzer Anlauf und der 160 Gramm schwere Lederball fliegt mit bis zu 160 Stundenkilometern dem Batter (Schlagmann) der Gegenmannschaft entgegen. Doch der hat es gegen den drahtigen Bowler schwer. Er beherrscht die Kunst, dem Ball eine extreme Rotation zu geben. Bei den Berlin Black Bears (BBB), die hier ihren Heimplatz haben, läuft es. Die Batter der Gegenmannschaft können kaum Punkte sammeln. „Lovely boy“, „Come on, it`s your day!“ rufen die Spieler dem Bowler über das ovale Feld zu. Am Ende haben die Berlin Black Bears gewonnen, alles sind zufrieden. Die BCC-Cricketeers stehen weit vorn in der Liga-Liste. Nach der langen Coronapause sind die Sportler froh, dass wieder etwas Normalität in den Trainings- und Spielbetrieb einkehrt. Doch gerade die Jugendarbeit hat gelitten. Vorstandsmitglied Martin Haynes, der auch in der zweiten Mannschaft der Berlin Black Bears spielt, erklärt: „Corona hat uns wieder zurückgeworfen.“ Im Bereich der Erwachsenen gibt es keine Probleme. „Mit den Geflüchteten, die nach Berlin kamen, hatten wir einen riesigen Nachschub an guten Spielern“, sagt Martin Haynes. In Berlin gibt es mittlerweile fünf reine Cricketclubs und zahlreiche Cricketabteilungen. In ganz Deutschland sind es mehr als 300 Vereine.

LSB-Programm „Integration durch Sport“ hilft

Auch das Projekt „Integration durch Sport“ des Landessportbundes (LSB) habe geholfen den Verein auf etwa 40 aktive Spieler aufzustocken., berichtet der BCC-Jugendtrainer Martin Haynes. Zwei Jahre sei diese spezielle Hilfe für Geflüchtete beim BCC angekommen. „Das war eine große Hilfe!“ Doch das Problem mangelnder Rasenplätze mit ausreichender Größe bleibt. Im Berliner Stadtgebiet gibt es tatsächlich nur zwei regelrechte Ovale auf dem Maifeld. Platz wäre allerdings für zwei weitere, sagt Shahnawaz Ahmad vom Ostdeutschen Cricketverband (ODCV). „Nur einmal die Woche für zwei bis drei Stunden hier spielen zu können, ist schwierig.“ Man trete nicht nur mit den anderen Vereinen in Konkurrenz, sondern immer häufiger mit Veranstaltungen, die auf dem Mailfeld abgehalten würden. Jüngste Beispiele sind die Pyronale oder das Lollpalooza-Festival. Der ehemalige Spieler der Nationalmannschaft spielt beim BSC-Rehberge. Jedoch ohne richtigen Platz. Die immer größer werdende Cricket-Gemeinschaft muss improvisieren. So wird beispielsweise an Samstagen und Sonntagen eine Wiese im Volkspark Rehberge zum Spielfeld. Shahnawaz Ahmad, Händler für Reitzubehör, hat sich mit dem Cricketsport ein Stück Heimat mitgebracht. „Durch den Sport habe ich viele Freunde gefunden.“ Er ist Präsident des Ostdeutschen Cricketverbandes (ODCV) und spielt beim BSC Rehberge. Auch er freut sich über den Aufschwung im Cricketsport. „Unter den Spielern sind auch viele IT-Spezialisten, die per Blue Card nach Deutschland kamen.“

Vom Elitesport zum Motor der Völkerverständigung

Profi-Cricketspiele können über mehrere Tage gehen. Beim Cricket muss es also nicht schnell gehen. In Deutschland werden jedoch nur Kurzvarianten gespielt. Die längste über etwa sieben Stunden – Lunch- und Teepause inklusive. Cricket ist ein Mannschaftssport ohne Körperkontakt. Dennoch ist Zusammenhalt gefragt. Und Manieren. Nicht umsonst gilt Cricket als Gentleman-Sport. Dies nicht nur wegen seiner Eleganz – auch Regeln und Disziplin sind gefragt. Diskutieren mit dem Schiedsrichter? Ein No-Go! Ein wenig lautstarker, unkomplizierter, jedoch nicht weniger fair, geht es beim Tape-Ball zu – quasi eine Street-Variante des klassischen Crickets. Sie wurde aus dem Mangel an großen Spielflächen geboren, in der pakistanischen 15 Millionenstadt Karachi. Ein Schotterplatz, ein Stück Straße oder auch ein Stück asphaltierte Fläche kann zum Spielfeld werden. Mit Kreide oder Steinchen werden der Abwurfbereich des Bowlers und des gegenüberstehenden Batsman markiert. Als Wicket-Ersatz, sonst eine Holzkonstruktion aus Stäben hinter dem Batsman, dient dann auch schon mal ein Rucksack. Der Ball ist ein „getapter“ Tennisball – ein Tape Ball. Der ist weicher, aber auch schneller als ein harter Cricketball. Auch Hamad Ali, ein Berliner IT-Student spielt Tape Ball. Er und seine Freunde treffen sich am Wochenende auf dem einer asphaltierten Teil des Tempelhofer Feldes. Für den 21-Jährigen Hamad Ali ist Cricket ein unverzichtbares Stück Heimat, das er sich mit nach Berlin genommen hat.

Traumberuf: Cricketspieler

In den ehemaligen englischen Kolonien entwickelte sich Cricket – einst ein Spiel des Landadels - zu einer Möglichkeit, der Armut zu entfliehen und gesellschaftlich aufzusteigen. Besonders in Indien, Pakistan, Südafrika, Bangladesh und Afghanistan wird dieser Sport bis heute wird nicht nur praktiziert, er wird geliebt. Cricket ist nach Fußball der weltweit meistgespielte Sport. In Deutschland wurde bereits im 19. Jahrhundert Cricket gespielt. Während des Nationalsozialismus - alle Vereine waren gleichgeschaltet - war Cricket verboten. Erst nach Kriegsende brachten englische Alliierte Cricket wieder nach Deutschland. Heute ist Cricket ein Spiel für die Völkerverständigung. Die Mannschaften könnten nicht bunter und vielfältiger sein. Die Spieler sprechen Urdu, Hindu, Paschtu, Tamil oder Farsi, Niederländisch, Englisch und Deutsch. Damit sich alle untereinander verstehen, wird auf dem Feld oder im Training Englisch oder Deutsch gesprochen.

Cricket in Hellersdorf

Durch die Tape Ball-Variante erobert Cricket den gesamten urbanen Raum. Viele Menschen werden aus dem Zentrum in die Peripherie Berlins gedrängt. „Das ist ein Thema, dem wir ohne Vorurteile begegnen wollen“, erklärt Adam Page. Zusammen mit seiner Partnerin Eva Hertzsch und anderen Künstlern der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) wurde eine „wunderschöne Brache“ in Hellersdorf in direkter Nachbarschaft zu einer Unterkunft für Geflüchtete kurzerhand zum „Place Internationale“. Ein Ort der Begegnung. Adam Page: „Eine Grünfläche, die zu einem sozialen Grün wird. Wir machen sie nutzbar für Alle.“ – Auch für Cricketspieler und alle anderen, die Lust haben, zu spielen. „Hier wird das Miteinander sichtbar!“ sagt der Künstler. Aus den anfangs informellen Spielertreffen ist mittlerweile eine Cricketabteilung beim Hellersdorfer Athletik-Club Berlin (ACB) geworden. „Der erste Cricket-Verein im Osten Berlins!“, betont Page. Der Zulauf ist groß. Nach der Coronakrise würde man gern expandieren und eine zweite Mannschaft gründen, damit mehr Sportler an Spielen teilnehmen könnten, so ACB-Präsident Reinhard Liebsch, der die Cricket-Abteilung durchsetzte. Auch in Hellersdorf sind die Spielbedingungen prekär. Und der „Place Internationale“ kann nur genutzt werden, wenn das Grünflächenamt die Wiese mäht. Ein Grund mehr, dass sich die Vereine für mehr Spielmöglichkeiten einsetzen. Adam Page hat da so eine Idee: Warum nicht Cricket im neuen Stadion des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark spielen?

Text/Fotos: Petra Lang

  • Cricket auf dem Maifeld
  • Cricket im Volkspark Rehberge
  • Cricket auf dem Tempelhofer Feld